Newsletter Juni 2026

Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Thaer,

nun ist der Sommer wirklich da, die Balkone und Vorgärten Friedenaus blühen in den schönsten Farben und so langsam beginnen die ersten, schon an die Lektüre für die nahenden Sommerferien zu denken. Für uns Buchhändler*innen ist das immer eine besonders schöne Zeit, denn mit Blick auf die Ferien machen sich viele gern selbst eine Freude und sind auf der Suche nach einem neuen Lieblingsbuch oder einem richtig guten Schmöker. Und bei dieser Bewegung des Suchens und Findens sind wir natürlich sehr gern behilflich! 

Wir möchten heute die Gelegenheit nutzen, auf unseren in der Buchhandlung stattfindenden Lesekreis aufmerksam zu machen. Wir treffen uns an jedem ersten Mittwoch des Monats, um gemeinsam einen Roman zu besprechen, den alle Teilnehmenden vorher bereits gelesen haben. Meist handelt es sich dabei um eine Neuerscheinung aus dem Bereich der Belletristik – und es ist immer wieder höchst spannend zu sehen, wie viele verschiedene Lesarten in so einer Runde aufeinandertreffen und wie sehr der literarische Austausch die Erfahrung des Lesens bereichert. Am 1. Juli werden wir „Stunden wie Tage“ von Shelly Kupferberg besprechen, ein Roman, in dem es um die Schöneberger Rote Insel während der Zeit des Nationalsozialismus geht. Im August pausieren wir aufgrund der Sommerferien, um dann am 2. September mit Shida Bazyars Buch „Nachts ist es leise in Teheran“ den Faden wieder aufzunehmen.

Da es sich um einen offenen Lesekreis handelt, sind alle interessierten Leser*innen herzlich eingeladen, vorbeizuschauen und mit uns zu diskutieren. Wir beginnen um 19h, der Eintritt ist frei und eine vorherige Anmeldung nicht notwendig. Wir freuen uns auf tolle Gespräche und spannende Bücher. In diesem Monat betreuen wir auch den letzten Büchertisch vor der Sommerpause des Literaturhauses. Nächsten Dienstag, am 16.6., finden Sie uns im Zirkuszelt Cabuwazi zu einer thematisch passenden Abend: 

Die belarussische Lyrikerin Julia Cimafiejeva spricht mit der Literaturkritikerin Sieglinde Geisel über ihre erste Gedichtsammlung »Zirkus« auf Deutsch und ihre neuesten Texte zum Exil in »Blutkreislauf«. Aus dem Belarussischen simultan gedolmetscht von Viktoria Kirsten.

»ich kam zur welt
mit diesem wanderzirkus in mir.
einem zirkus, denk mal an,
in einem polessischen dorf.
jongleure, akrobaten,
bärtige jungfrauen (…)«

Zuletzt folgen, wie gewohnt, unsere Literaturempfehlungen des Monats. Wir wünschen Ihnen und Euch einen wundervollen Sommeranfang. 

Herzliche Grüße aus der Buchhandlung Thaer,

Mieke Woelky und Krystyna Swiatek 


Mieke Woelky empfiehlt „Nelka“ von Svenja Leiber 

Mit Svenja Leibers neuem Roman reisen wir nach Lemberg, ins Jahr 1941, und damit in eine Stadt, in der bis zum Zweiten Weltkrieg vielfältige Kulturen, Sprachen und Religionen zuhause waren. Eines Abends wird die 17-jährige Nelka während eines Spaziergangs verhaftet und zur landwirtschaftlichen Zwangsarbeit eingezogen, weil sie ohne Ausweis unterwegs war. 

Auf dem Hof entstehen nicht nur Schicksalsgemeinschaften und enge Freundschaften, sondern auch ein ambivalentes Verhältnis zum Vorsteher, der Nelkas tiefgreifendes Wissen über die Apfelzucht für sich nutzt und dessen Annäherungsversuchen sie sich zu erwehren versucht. So gerät die junge Frau in einen Strudel aus Abhängigkeiten, aus dem sie nur knapp entkommt. 

Dieses Buch beleuchtet die Geschichte unzähliger Menschen, die während des Nationalsozialismuses als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt wurden. Bemerkenswert ist, dass es Svenja Leiber gelingt, dieses dunkle Kapitel der Geschichte zu erzählen, indem sie ganz nah an ihren Figuren bleibt. So entsteht ein nuanciertes, fein gezeichnetes Bild, das uns nicht so sehr erschreckt als vielmehr fühlen lässt, wie Mechanismen von Angst und Schrecken funktionieren. Große Empfehlung mit viel Tiefgang, ohne dabei je kitschig zu werden. Für Liebhaber*innen von Iris Wolff und Helga Schubert.

Svenja Leiber, „Nelka“. Suhrkamp Verlag, 2026. 24 Euro. 
Hier bei uns im Online-Shop bestellen.


Krystyna Swiatek empfiehlt „Unter Wasser“ von Tara Menon

Als die siebenjährige Marissa mit ihrem Vater nach Thailand zieht, lernt sie Arielle kennen. Ab diesem Moment sind die beiden unzertrennlich, über und unter Wasser. Fast filmisch schildert die Autorin Tara Menon die atemberaubende Schönheit der Unterwasserwelt, die die Mädchen bei ihren Tauchgängen erleben. Die vielen detaillierten Beschreibungen sind eine Stärke des Romans, Menon ist eine exzellente Beobachterin. Zunehmend entsteht Spannung, die auf Entladung drängt. Denn Weihnachten 2004 wird diese Idylle durch den Tsunami, bei dem 230.000 Menschen starben, zerstört.

Acht Jahre später wird Marissa, die inzwischen in New York wohnt, mit einer zweiten Naturkatastrophe konfrontiert, dem Hurrikan Sandy: Er trifft Ende Oktober 2012 mit Wucht auf die Ostküste und bringt Marissa gedanklich zurück nach Thailand.

Haben Sie keine Scheu, dieses Buch zu lesen! Tara Menon hat keinen voyeuristischen Katastrophenroman geschrieben, sondern nähert sich ganz sanft, aber auch ganz klar, den Ereignissen. Der Roman ist nicht düster, er ist voller Leben und Farben. Er wärmt und warnt zugleich.

Tara Menon, „Unter Wasser“.  Aus dem Englischen von Simone Jakob, Dumont Verlag, 2026, Hardcover, 208 Seiten, 23 Euro. Im Original: „Under Water“, Penguin, 20,50 Euro