Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Thaer,
wir grüßen Sie und Euch aus unserer schönen Buchhandlung, in der schon hier und da die ersten weihnachtlichen Bestelllisten und Wünsche eintrudeln. Das freut uns natürlich sehr, denn die Vorweihnachtszeit wird bei uns sicher trubelig und im gemütlichen November können wir uns noch mit etwas mehr Ruhe allen Wünschen widmen und beraten gern auch ausführlich und individuell. Also, kommen Sie gern jetzt schon vorbei – es warten viele schöne Neuerscheinungen auf Sie.
Oder kommen Sie zu unserer Veranstaltung am 5. Dezember! Gemeinsam mit Elvira Hanemann und Klaus Palme werden wir unsere Empfehlungen zum frohen Fest vorstellen. Jede*r von uns wird drei Bücher empfehlen, die wir dieses Jahr besonders gern gelesen haben. Es wird alles dabei sein – von spannenden Kinderbüchern, neuen Libelingsgeschichten bis hin zum politischen Sachbuch. So hoffen wir, dass für jede*n etwas dabei sein wird, was Sie inspiriert oder unter den Weihnachtsbaum Ihrer Lieben passt.
Wie schon im letzten Jahr wird es Glühwein und Punsch geben. Wir freuen uns darauf, Sie um 19.30h bei uns begrüßen zu dürfen. Der Eintritt ist frei, um eine Voranmeldung wird gebeten.
Vorher möchten wir jedoch noch auf unsere nächste Lesung aufmerksam machen. Am 15. November kommt Verena Güntner zu uns, um ihre gerade bei Dumont erschienenen Roman „Medulla„ vorzustellen. In diesem geht es um einen Berliner Sommer, drei Paare und die Frage, wie wir leben wollen: Was passiert,
wenn die Lust, neu anzufangen, unbändig ist? Wenn sich der brennende Wunsch danach, frei und selbstbestimmt zu leben, nicht länger leugnen lässt?In diesem Roman driften drei Paare auseinander, werden sich fremd, zu gegenläufigen Strukturen. Im flimmernden Zentrum die schwangeren Körper von Siv, Leyla und Esther – drei Frauen, die sich der Enge ihrer Lebensentwürfe widersetzen und radikal abwenden von einem scheinbar vorgezeichneten Weg. Kraftvoll und zugleich mit einer großen Zartheit zeichnet Verena Güntner widerständige, sinnliche Figuren und erzählt von brüchigen Beziehungen, Schwesternschaft und Aufbruch.
Wir beginnen um 19.30h, um Voranmeldung wird gebeten. Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.
Es folgen, wie gewohnt, unsere Leseempfehlungen im November.
Herzliche Grüße und bald in der Buchhandlung Thaer,
Mieke Woelky und Krystyna Swiatek
Mieke Woelky empfiehlt Judith Hermanns „Wir hätten uns alles gesagt“
Dieses Buch ist ein Schatz, so wertvoll, dass man es gleich mehrmals lesen möchte. Es ist wohl das persönlichste Buch von Judith Hermann, geht es hier doch um die Familie der Autorin, um ihre Neuköllner Kindheit, die russische Oma, den cholerischen Vater, die oft abwesende Mutter. Und doch ist dieser schmale Band viel mehr als eine Familiengeschichte, denn in „Wir hätten uns alles gesagt“ geht es vor allem ums Schreiben, um die Genese von Geschichten, ihren Ursprung, der am Ende doch oft ein Geheimnis, eine nicht greifbare Leerstelle bleibt. Dass Hermann in diesem Buch ihrem Schreiben auf den Grund geht, ist stimmig, basiert es doch auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die sie im Frühjahr 2022 hielt.
Mich hat dieses Buch sehr berührt, weil es so echt und so klug ist. Beim Lesen hat man das eigentümliche Gefühl, der Erzählerin beim Denken zuzuhören. Man blickt in ihren Kopf hinein und erfährt viel – über ihre Prägung, über Herkunfts- und Wahlfamilien und was es bedeutet, ein Kind zu sein und trotz aller Verletzungen auch zu bleiben. Und darüber, was es heißt, ein Kind zu haben, das erwachsen wird und anfängt, selbstständig zu leben. Judith Hermann schafft es, analytisch und liebevoll zugleich zu schreiben, und das ist wirklich eine hohe Kunst.
Judith Herrmann. „Wir hätten uns alles gesagt“, 2024. Fischer Taschenbuch, 15 Euro.
Krystyna Swiatek empfiehlt Gaea Schoeters „Das Geschenk“
Was für ein Geschenk! Eines Morgens tauchen im Berliner Regierungsviertel Elefanten auf. Sie baden in der Spree, und die Limousine des deutschen Kanzlers muss auf der Fahrt ins Amt vor einer ganzen Herde ausweichen. 20.000 Elefanten tauchen nach und nach aus dem Nichts in ganz Deutschland auf. Anfangs schlägt sich Bundeskanzler Winkler ganz gut: Er richtet ein Ministerium für Elefantenangelegenheiten ein, aus den Tonnen ihrer Ausscheidungen wird Dünger produziert, die Dickhäuter werden touristisch vermarktet. Doch die Probleme reißen nicht ab, und plötzlich wird eine Drittstaatenlösung diskutiert…
Natürlich ist das komplett ausgedacht, die Idee zu „Das Geschenk“ hatte die Autorin Gaea Schoeters allerdings, als sie eine Meldung in der Zeitung las: Mogkweetsi Masisi, bis 2024 Präsident von Botswana, hatte tatsächlich gedroht, als Antwort auf strengere Einfuhrbestimmungen für Jagdtrophäen Deutschland Elefanten zu schenken. Während Gaea Schoeters in ihrem Vorgängerroman „Trophäe“ einen Westler nach Afrika schickt, bringt sie in ihrem neuen Buch Afrika in Gestalt von Elefanten zu uns in den Westen. Das ist zum einen natürlich Stoff für eine wunderbare Satire. Sie hinterfragt dabei aber auch eurozentrierte Sicht auf die Probleme der Welt. Außerdem beleuchtet Schoeters gnadenlos die Hilflosigkeit der europäischen Demokratien angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus. Ein sehr unterhaltsames und dabei unglaublich politisches Lesevergnügen.