Newsletter Oktober 2026

Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Thaer,

der Herbst ist da – und mit ihm zahlreiche Highlights des literarischen Jahres. Die Buchmesse steht an und wir haben schon Wetten abgeschlossen, welcher der sechs nominierten Romane den diesjährigen Buchpreis erhalten wird. Elvira Hanemann tippt auf Thomas Melles Buch „Haus zur Sonne“ und könnte, so finden wir, recht behalten.

Auf etwas kleinerer Bühne findet hier in Friedenau am 11.& 12.10. die „Kultour“ der Südwestpassage statt: Friedenauer Künstlerinnen und Künstler öffnen ihre Ateliers und ermöglichen Einblicke in ihre Werke. So entstehen Gespräche, neue Sichtweisen und Verbindungen im Kiez. Mehr Informationen zu den teilnehmenden Kunstschaffenden und den Kunst-Stopps, die man beim Flanieren besuchen kann, finden Sie hier

Gleichzeitig feiern wir, wie bereits angekündigt, das 80jährige Jubiläum der Buchhandlung Thaer, zu dem Sie alle herzlich eingeladen sind. Am 11. Oktober laden wir Sie ein, zwischen 12-18h mit uns anzustoßen und ins Gespräch zu kommen. 
Außerdem haben wir auch im Oktober wieder die Freude, zwei Büchertische für Lesungen des Literaturhauses zu organisieren. Am 10.10. spricht Carmen-Francesca Banciu in „Facetten ihres Schaffens“ über ihr monumentales literarisches Werk: ihre Pentalogie gleicht einer poetischen Archäologie der Herkunft, die Themen wie Diktatur, Rebellion, Exil und weibliche Identität in kunstvoller Weise auslotet. Die Veranstaltung findet um 19h in Alt Moabit 62-63 statt.

Am 13.10. finden Sie uns bei einer Lesung in der Hörsaalruine des Medizinhistorischen Museums. Hier findet die Buchpremiere von gleich zwei Büchern statt, die sich dem Thema Krankheit und Familie literarisch nähern. In Leon Englers Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ bleibt dem Erzähler wortwörtlich nur der Abfall der eigenen Familiengeschichte, als bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter durch eine Verwechslung alles von Wert in die Müllverbrennungsanlage wandert. In ihrem Roman „Autobiographie meines Körpers“ wiederum erzählt Lize Spit von einer scheinbar gewöhnlichen Kindheit. Doch Lizes Mutter ist alkoholkrank und ihr Vater unberechenbar, so dass ihr Aufwachsen geprägt ist von Ängsten und emotionalem Missbrauch. Während sie darüber mit niemandem sprechen kann, schreibt sich ihre Geschichte in ihren Körper ein. Die Lesung findet auf dem Campus der Charité in Mitte statt und beginnt um 18h. 

Zuletzt folgen, wie gehabt, unsere Lesetipps für den goldenen Oktober.

Herzliche Grüße aus der Buchhandlung Thaer,

Mieke Woelky und Krystyna Swiatek 


Krystyna Swiatek empfiehlt „Der ehrliche Finder“ von Lize Spit

Der zwölfjährige Tristan hat schlimme Monate hinter sich: Die Flucht aus dem Kosovo nach Belgien – immer voller Angst vor Kontrollen und der Rückkehr in den Bürgerkrieg. Der zehnjährige Jimmy ist einsam und lebt vor allem für seine Flippo-Sammlung. Tristan und Jimmy werden in der Schule nebeneinander gesetzt und werden trotz aller Unterschiede Freunde. Auch weil sich Jimmy bei Tristans großer Familie zwischen Kleiderspenden viel geborgener fühlt als zuhause. Und dann soll Tristans Familie abgeschoben werden, was dieser natürlich versucht, mit Jimmys Hilfe zu verhindern.

Das könnte nun kitschig werden, ist es aber nicht, da Lize Spit frei von Klischees schreibt. Und weil sie aus der kindlichen Perspektive erzählt, gelingt es ihr – ohne etwas zu verharmlosen – all die Grausamkeiten von Krieg und Flucht in etwas Leichtes, sogar Heiteres zu verwandeln.

Einfach ein ganz bezauberndes Buch über Freundschaft und Menschlichkeit.

Lize Spit, „Der ehrliche Finder“, übersetzt aus dem Flämischen von Helga van Beuningen, Fischer Taschenbuch, 12 Euro.

Mieke Woelky empfiehlt „Reichskanzlerplatz“ von Nora Bossong 

Das Besondere an diesem Roman, der gerade im Taschenbuch erschienen ist, ist wohl seine Perspektive. Der Erzähler Hans, noch fast ein Junge zur Zeit der Machtergreifung durch die Nazis, lernt die Frau kennen, die später als Magda Goebbels zum Inbild der nationalsozialistischen Mutter und Frau wird. Die beiden kommen sich kurz nahe und bleiben nach einer kurzen Affäre über die nächsten 20 Jahre in Kontakt, in denen beide sich in den höheren Kreisen von Gesellschaft und Politik bewegen. 

Falls teilnahmslos und getrieben von einer Mischung aus Selbstschutz und fehlender Widerstandskraft erzählt uns Hans von dieser Zeit und von Magda. Und doch kommen wir als Leser*innen keiner der beiden Figuren wirklich nahe. Vielmehr erleben wir sie wie hinter Glas und sehen dabei zu, wie sie zu Rädern in der Maschinerie des „Dritten Reichs“ werden. Und genau hierin liegt die Stärke dieses Buchs: Es lässt uns spüren, wie schleichend sich drastische Veränderungen ihren Weg bahnen und wie schnell sich die Grenze zwischen Zögern und Schuld verschieben kann.

Ein leises, kluges und doch sehr kraftvolles Buch über die Wirkmacht von Angst und den Sog der Geschichte. 

Nora Bossong, „Reichskanzlerplatz“. Suhrkamp Taschenbuch, 2025. 14 Euro.