Newsletter Mai 2025

Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Thaer,

der Mai ist da und mit ihm viele Feiertage und lange Wochenenden, die Sie hoffentlich auch mit der Lektüre eines schönen Buchs verbringen können. 

Am 8. Mai werden wir eine Veranstaltung des Literaturhauses mit einem schönen Büchertisch unterstützen. Unter dem Titel „In dieser Zeit – Lesungen zum Tag der Bücherverbrennung“ werden sechs Künstler*innen – 

Amewu, BRKN, Conny, Alice Dee, Malonda und Ebow – Texte vortragen, die sich zwischen HipHop und Lyrik bewegen und den Worten verfolgter Dichter*innen neue Stimmen verleihen. So werden beispielsweise die Texte von Bertolt Brecht und Mascha Kaléko, während der NS-Zeit verboten und unterdrückt, zu den Lyrics dieser besonderen Lesung. Die Künstler*innen loten das politische Potential der Worte aus und setzen damit ein Zeichen gegen das Vergessen der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933. Die Veranstaltung findet im Kreuzberger SO36 statt und beginnt um 19h. 

Am 16. Mai findet die nächste Lesung bei uns in der Buchhandlung statt. Magdalena Gössling wird aus ihrem beeindruckenden Buch „Wieder Werden“ lesen und im Gespräch mit Eva Volkmann über ihre Geschichte sprechen. Die Ärztin war 32 Jahre alt und mit ihrem zweiten Kind schwanger, als sie durch einen Schlaganfall die Fähigkeit zu sprechen und die Kontrolle über ihre rechte Körperseite verlor. Auf den großen Einschnitt folgen Tage wie hinter einer verschlossenen Tür. Alles, was einmal sicher erschien, geriet ins Wanken und stellte sie vor große Fragen: Wer bin ich ohne Sprache? Wer bin ich bar der Möglichkeit, meine Rollen wie gewohnt auszufüllen: die der Chirurgin, der Freundin, der Partnerin, der Mutter? Und wer ist das eigentlich: ich? Schreibend die eigene Sprache erforschend, machte sich die Autorin auf die Suche. In ihrem berührenden Text erzählt sie, was geschieht, wenn ein einschneidendes Ereignis das Leben in ein Davor und Danach teilt, und wie man nach tiefgreifenden körperlichen und geistigen Verlusten die eigene Identität Stück für Stück neu zusammensetzt.
Wir freuen uns auf eine tollen Abend mit der Autorin. Gerne können Sie sich eine Karte bei uns in der Buchhandlung oder Telefon/Mail reservieren lassen. Wie gewohnt beginnen wir um 19.30h und der Eintritt kostet 8 Euro (ermäßigt 5 Euro). 
Zuletzt folgen unsere Empfehlungen für den Wonne- und Lesemonat Mai. Wir freuen uns sehr, dass so viele von Ihnen sich nicht von dem Gerüst vor unserer Tür abschrecken lassen und uns weiterhin so regelmäßig und gut gelaunt besuchen. 

Krystyna Swiatek empfiehlt Antje Rávik Strubels „Der Einfluss der Fasane“

Für ihren Roman „Blaue Frau“ wurde Antje Rávik Strubel 2021 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Nun ist ihr zehnter Roman „Der Einfluss der Fasane“ erschienen – und der macht richtig Spaß.

An einem frühen Morgen steht Hella Karl am Briefkasten und liest eine Meldung, die sie aus der Bahn werfen wird: Der Star der Berliner Theaterszene hat sich das Leben genommen. Als Feuilletonchefin einer großen Berliner Tageszeitung hatte Hella Karl einen Enthüllungsartikel über den Theaterintendanten geschrieben. Woraufhin ein Shitstorm ihn in Verruf und zu Fall brachte. Nun – nach seinem Suizid – gerät sie selbst ins Zentrum der medialen Erregungsspirale: Trägt sie etwa Schuld an seinem Tod?Für mich hat Strubel mit diesem Buch einerseits eine bitterböse Satire auf das Berliner Kulturleben geschrieben. Andererseits ist der Roman etwas für alle, die Freude an Sprache haben. Denn es geht es um die Macht der Sprache – und auch ihren Missbrauch. Und da hier eine Autorin, die wirklich schreiben kann, über eine Frau schreibt, die ebenso schreiben kann, ist dieser Roman auch sprachlich ein Vergnügen.

Antje Rávik Strubel „Der Einfluss der Fasane“. Erschienen bei Fischer, 2025. 25 Euro. 

Mieke Woelky empfiehlt Anna Hopes „Wo wir uns treffen“ 

Zu Beginn von Anna Hopes neuem Roman „Wo wir uns treffen“ wähnt man sich auf einem malerischen Landgut im Süden Englands. Der Hausherr Philip ist gerade verstorben, die Familie kommt zusammen, um ihn zu beerdigen. Doch schnell wird klar, dass die idyllische Fassade dieses Familienporträts bröckelt – und die längst erwachsenen Kinder mit ihren konträren Weltanschauungen schnell aneinandergeraten. Während Frannie den Traum hat, das elterliche Anwesen an die Natur zurückzugeben und hier ein wichtiges Biotop zu schaffen, möchte ihr Bruder Milo es in ein Resort für Superreiche verwandeln, die hier ungestört mit bewusstseinserweiternden psychedelische Drogen versorgt werden.

Was diesen Roman so lesenswert macht, ist die Tatsache, dass er keinen moralischen Zeigefinger erhebt, sondern seine Kraft allein durch seine Figuren entfaltet. Während jede von ihnen für etwas anderes einsteht, sehnen sie sich doch alle nach einer besseren Welt. Diese Sehnsucht wird zwar in ganz unterschiedlichen Visionen ausgelebt, bleibt jedoch immer eng an die eigene Familiengeschichte geknüpft, und damit an Fragen von Besitz, Erbschaft, englischer  Kolonialgeschichte und den Privilegien, die diese mit sich bringen. 

Im Laufe des Buchs entspinnt sich so ein feines Netz aus privat-politischen Verstrickungen, die zu einer richtig guten Geschichte verwebt werden. – storytelling at its best. 

Anna Hope, „Wo wir uns treffen“ (Im Original „Albion“). Aus dem Englischen übertragen von Ulrike Kretschmer. Erschienen bei Hanser, 2025. 25 Euro.


Herzliche Grüße,Mieke Woelky & Krystyna Swiatek