Newsletter April 2025

Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Thaer,

wir begrüßen den April mit einem schönen Schaufenster zum Gastland der Leipziger Buchmesse – Norwegen. Wir freuen uns immer, dass unsere Themenfenster so viel Anklang finden und Einige von Ihnen dort schon Bücher erspäht haben, die sie noch gar nicht kannten – oder schon lange lesen wollten. Letzte Woche waren wir in Leipzig auf der Buchmesse und da ging es uns genau so – viele neue Bücher, inspirierende Entdeckungen und spannende unabhängige Verlage. 
Für diesen Monat möchten wir Sie auf unsere Veranstaltung am 9. April aufmerksam machen, einen Gesprächsabend mit dem Verleger Sebastian Guggolz und dem Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel

Vor wenigen Wochen erschien im Guggolz Verlag „Frühlingsnacht“, das vierte Buch des ikonischen norwegischen Schriftstellers Tarjei Vesaas (1897-1970), dessen Werke Schmidt-Henkel für den Verlag neu überträgt. Viele von Ihnen werden Vesaas‘ Roman „Das Eis-Schloss“ kennen, das bereits 2019 im Guggolz Verlag erschien und sehr kunstvoll von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übersetzt wurde, gefolgt von „Die Vögel“. 

Nun ist „Frühlingsnacht“ erschienen, ein Roman, in dessen Mittelpunkt der 14-jährige Hallstein steht, der mit seiner älteren Schwester Sissel über Nacht allein zu Hause bleibt. Hitze und Feuchtigkeit liegen drückend auf dem Tag, und als die Geschwister sich zum Abendessen setzen, klopft es an der Tür. Eine fremde Familie benötigt nach einer Autopanne Unterkunft, zumal eine junge Frau kurz vor der Entbindung steht. Tarjei Vesaas schafft mit wenigen Strichen eine verzauberte Atmosphäre. Durch Hallsteins Augen nehmen wir das Geschehen wahr, und ohne dass es Erklärungen gäbe, verstehen wir nach der Lektüre mehr von dem, was in und um uns wirkt. 

Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung gelingt das Wunder, das auch Vesaas’ Prosa so magisch macht: Vieles bleibt unausgesprochen und doch entsteht zwischen den Zeilen ein poetischer Raum, eine eigene Welt, die Trost bietet und die man nicht mehr verlassen möchte.

Nun sind wir gespannt auf ein Gespräch zwischen Verleger und Übersetzer, das uns spannende Einblicke in das neue Buch und ihre verschiedenen Tätigkeiten gewähren wird. Wir beginnen um 19.30h, der Eintritt kostet 8 Euro (5 Euro ermäßigt) pro Person. Um Anmeldung wird gebeten.  

Zum Schluss folgen unsere Empfehlungen für den April. Genießen Sie die Sonne und das sprießende Grün im schönen Friedenau! 

Herzliche Grüße und bis bald in der Buchhandlung Thaer,

Mieke Woelky und Krystyna Swiatek


Krystyna Swiatek empfiehlt Sara Gmuer, „Achtzehnter Stock“ 


Wanda ist alleinerziehend und lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie im 18. Stock eines Plattenbaus in Berlin-Lichtenberg. Ihr Traum, eine berühmte Schauspielerin zu werden, scheint geplatzt. Statt auf Filmdrehs und Premieren verbringt sie die heißen Sommertage mit Karlie und den anderen Platten-Müttern im Hof der Betonsiedlung. Wanda will jedoch keine Vollzeitmutter aus der Platte sein und träumt von einem ganz anderen Leben, mit Geld und unbegrenzten Möglichkeiten. Als sie dem Filmproduzenten Willhaus begegnet, geht eine Tür auf. 

Doch zeitgleich wird Karlie krank und Wanda weiß als Alleinerziehende kaum alles unter den Hut zu bringen. Wanda trifft die fatale Entscheidung, ihre Herkunft zu verschweigen. Das klappt, bis alles über ihr einzustürzen droht.Sara Gmuers Roman habe ich schnell weggelesen. Sie schreibt an den richtigen Stellen bissig und rau, manchmal auch humorvoll und zeigt keine perfekten Figuren – stattdessen die Zerrissenheit und Ängste ihrer Hauptfigur. Ein rasantes Lesevergnügen zwischen Lichtenberg, Mitte und der Paris-Bar.

Sara Gmuer, „Achtzehnter Stock“. Hanser Verlag 2025, 22 Euro. 

Mieke Woelky empfiehlt Dmitrij Kapitelman, „Russische Spezialitäten“ 


Schon auf den ersten Seiten dieses Buchs merkt man, wie unheimlich wortgewandt Dmitrij Kapitelman und seine Texte sind. Der Autor spielt mit Sprache, lässt sie singen und wechselt dabei zwischen humorvoller Leichtigkeit und politischer Tragik. Das ist in sich stimmig, geht es in diesem Buch doch gerade um die Schwierigkeit von Zugehörigkeit durch Sprache: Was macht man mit einem russisch, das die eigene Muttersprache ist, zu dem einem aber Land und Leute fehlen? Der Roman erzählt die Geschichte einer russischen Familie, die in Kyjiw lebt und  nach Leipzig zieht, als der Sohn ein Kind ist. Dort betreibt sie ein Geschäft mit russischen und osteuropäischen Spezialitäten – einem Mikrokosmos, der so lebendig geschildert ist, dass man bald das Gefühl hat, man wäre schon einmal da gewesen. 

Als Russland die Ukraine überfällt, kommt es zwischen dem mittlerweile erwachsenen Sohn und seiner Mutter zu einem scheinbar unüberwindbaren Konflikt. Während er mit Entsetzen nach Kyjiew schaut, steht seine Mutter politisch klar auf Putins Seite. In seiner Verzweiflung und Ohnmacht macht er sich deshalb auf und reist in seine Heimatstadt – mitten im Krieg. 

Dmitrij Kapitelman, „Russische Spezialitäten“. Hanser Berlin 2025, 23 Euro.