Newsletter April 2026

Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Thaer,

wir wünschen Ihnen und Euch eine schöne Osterzeit und viel Freude auf den ersten Ausflügen in den langsam aufblühenden Frühling, der sich schon hier und da zaghaft zeigt. 

Unsere Buchhandlung ist in kaum einer anderen Jahreszeit so gut gefüllt mit spannenden Neuerscheinungen wie in dieser. Viele neue, zum Teil schon lang ersehnte Romane und Erzählungen sind nun endlich eingetroffen (Judith Hermann! Siri Hustvedt!). Und auch im Sachbuch merkt man, dass pünktlich zur Leipziger Buchmesse viele spannende Titel bei uns eingetroffen sind: Unsere drei Bestseller in diesem Segment sind momentan Gisèle Pelicots „Eine Hymne an das Leben“, Eva von Redeckers „Der Drang nach Härte“ über neue Formen des Faschismus sowie das Buch „Meinungsfreiheit“ des Juristen und Journalisten Ronen Steinke. All diese Bücher geben kluge und bereichernde Einblicke in die Diskurse und politischen Diskussionen unserer Zeit – und wir freuen uns sehr, dass viele von Ihnen immer wieder zur Literatur greifen, um ihren Blick zu erweitern und ihr Hintergrundwissen zu vertiefen.

Im April möchten wir Sie wieder zu einer schönen Lesung einladen. Am 23.April kommt Monika Heintze zu uns, um aus ihrer Berliner Erzählung „…Alles muss versteckt sein! zu lesen. 

Monika Heintze ist selbst Berlinerin. Schon als Kind begeisterte sie sich für Kunst, später unterrichtete sie das Fach an einer Sonderschule. Bis heute nimmt sie mit ihren Gemälden an Ausstellungen im In- und Ausland teil. Nun hat sie mit über 80 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht. 

In diesem erzählt sie einfühlsam von einer Kindheit und Jugend im Berlin der 1940er und 1950er Jahre. Dabei geht es zentral um die Hauptfigur Hanna, die schon mit 5 Jahren weiß, dass Verstecken nicht nur ein Spiel ist. Wenn im Berliner Umland die Tiefflieger kommen, kann es überlebenswichtig sein. Hanna erzählt von ihren Fluchtorten, wie den Märchen oder der Schaukel, von ihrer ersten Lehrerin, die ihre künstlerische Begabung entdeckt und fördert, von der Solidarität unter den Kindern auf dem Hof. Aber auch von einer Mutter, die mit Härte versucht, sie gefügig zu machen. Hannah stellt sich dem entgegen und versucht, an ihrem Traum, Künstlerin zu werden, festzuhalten. 

Wir freuen uns auf einen tollen Abend mit Monika Heintze. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr, um Voranmeldung wird gebeten. Die Karten kosten 8€ (ermäßigt 5€). 

Zuletzt folgen unsere Empfehlungen für den April. Herzliche Grüße und bis bald in der Buchhandlung Thaer,

Mieke Woelky und Krystyna Swiatek 


Mieke Woelky empfiehlt „Sie wollen uns erzählen“ von Birgit Birnbacher 

Im neuen Roman der österreichischen Autorin Birgit Birnbacher meint man, einen leicht melodischen Singsang herauslesen zu können. Zwar wohnt die Protagonistin Ann mit ihrem Sohn Ozzy in der Stadt, doch sie kommt vom Land, aus der Provinz und den Bergen. Und genau dorthin reisen die Beiden auch, weil Anns Mutter – Ozzys Großmutter Zäzilia – verschwunden ist. Beide brechen mit gemischten Gefühlen auf: Ann macht sich Sorgen um ihren Job als Soziologin an der Universität und um Ozzy, dessen ADHS Diagnose und dessen Konsequenzen sie gedanklich auf Trab halten. Ann fühlt sich tief mit ihrem Sohn verbunden, galt selbst als „wildes Kind“ und hat ihre unangepasste Haltung ein Stück weit beibehalten. Gleichzeitig wünscht sie sich, dass er es leichter hat als sie und weniger aneckt. 

Dieser Roman gewährt uns schmerzlich-schöne Einblicke in die komplexen Strukturen des Mikrokosmos Familie. Er lässt uns darüber nachdenken, was von einer Generation zur nächsten weitergegeben und wie es benannt wird –  und was es eigentlich bedeutet, Verantwortung zu tragen. Ein kluges, feines und mitunter lustiges Buch, das uns zeigt, wie eigen und widerständig wir eigentlich doch alle sind. 

Birgit Birnbacher: „Sie wollen uns erzählen“. Zsolnay, 2026. 24 €. 

Krystyna Swiatek empfiehlt Dacia Marainis Roman „Drei Frauen“: 

Die 1936 geborene Dacia Maraini ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen Italiens. Ihr 2020 veröffentlichter Roman „Drei Frauen“ ist nun als Taschenbuch erschienen. Darin erzählt  Maraini  die Geschichte einer Großmutter, Tochter und Enkelin, die recht beengt alle unter einem Dach leben. Maraini erzählt keinen ausufernden Familienroman, sondern schildert die Ereignisse eines einzigen Jahres, in dem sich die Situation der drei Frauen dramatisch zuspitzt und das labile Gleichgewicht in der gemeinsamen Wohnung erschüttert. Und wie sie das macht, macht dieses Buch so besonders: Sie erzählt den Roman aus den unterschiedlichen Perspektiven der drei Charaktere. Die lebenslustige 60-jährige Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin, mit ihrem deftigen Wortwitz spricht ihre Beobachtungen und Reflexionen in ein Diktiergerät. 

Die 40-jährige Übersetzerin Maria, die die Familie finanziell über die Runden bringt, lernen wir in ihren romantischen Briefen an ihren abwesenden französischen Geliebten Francois kennen. Von der 17jährigen Lori, die sich rebellisch gegen Mutter und Großmutter zur Wehr setzt, lesen wir die Tagebucheinträge. Es sind diese drei völlig unterschiedliche Stimm- und Tonlagen, die einen in den Bann ziehen.

Dacia Maraini: „Drei Frauen“, aus dem Italienischen von Ingrid Ickler. Unionsverlag, 2026. 13 €.