Newsletter September 2025

Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Thaer,

der Sommer neigt sich dem Ende zu und schon trudeln die ersten Neuerscheinungen des Herbstes bei uns ein. Wir stöbern in der Longlist des deutschen Buchpreises, die gerade bekannt gegeben wurde. Für alle interessierten Stammkund*innen haben wir auch in diesem Jahr wieder das Büchlein mit den Leseproben der nominierten Romane in der Buchhandlung ausliegen – kommen Sie gern einfach vorbei, um sich eins abzuholen. 

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, auf unsere nächsten Veranstaltungen aufmerksam zu machen. Kristina Hauff, die am 17. September bei uns lesen wird, haben wir ja bereits angekündigt. Aber auch der Oktober und November halten einiges parat: 

Am 1. Oktober begrüßen wir anlässlich des Hieronymustages den Übersetzer Frank Heibert mit einem spannenden Thema bei uns: „Politische Literatur heute übersetzen – am Beispiel von George Saunders, mit einem Seitenblick zu George Orwell“

Auf die hedonistischen, „das Ende der Geschichte“ verkündenden 1990er Jahre folgte mit 9/11 die erste von vielen „Zeitenwenden“, das neue Jahrtausend ist zunehmend von politischen Umbrüchen schleichender oder abrupter Art geprägt. Seit Populisten in vielen Ländern an die Macht kamen, verändern sich Diskurse und Debatten. Welche Rolle kann die Literatur übernehmen? Der vielfach preisgekrönte US-Amerikaner George Saunders spielt seit seinem
ersten Erzählband 1996 virtuos auf der Klaviatur von politischer Satire und Dystopie und betrachtet seine Figuren mit liebevollem, menschenfreundlichem Humor; außerdem ist sein Stil durch immer wieder hochkreative Sprachspiele geprägt. 

Seine deutsche Stimme Frank Heibert liest und kommentiert Auszüge aus verschiedenen Werken und eröffnet Einblicke in die Übersetzerwerkstatt. Thematisch passend kommt auch George Orwells „1984“, das er 2021 neu übersetzte, zur Sprache.

Wir beginnen um 19.30 Uhr, der Eintritt kostet 8 € / 5 €. Um Voranmeldung wird gebeten.
Diese Lesung wird gefördert von der Weltlesebühne e.V.

Außerdem feiert unsere Buchhandlung diesen Herbst Jubiläum und ihr 80-jähriges Bestehen. Am Samstag, den 11. Oktober, laden wir Sie und Euch ab 12h dazu ein, mit uns anzustoßen und zusammenzukommen, um die Nachbarschaft und das Thaer zu feiern. Wir sind bis 18h hier, es gibt kein großes Programm, dafür aber Sekt & Saft, Kuchen, schöne Gespräche und gute Buchtipps. 

Am Nachmittag wird die Künstlerin und Illustratorin Paulina Gimpel bei uns vor Ort live Porträts anfertigen. Wenn Sie also auf der Suche nach einer schönen Zeichnung oder einem zeitigen Weihnachtsgeschenk sind, kommen Sie gern mit einem Foto oder den Person(en) zu uns, von denen Sie gern ein Bild hätten. Im Anhang finden Sie ein Beispiel ihrer Porträts, jede Zeichnung kostet 20 Euro. 

Und noch ein Termin zum Vormerken: 15.11. liest Verena Güntner aus ihrem gerade bei Dumont erschienenen Roman „Medulla„. In diesem geht es um einen Berliner Sommer, drei Paare und die Frage, wie wir leben wollen. Merken Sie sich diesen Termin gern schon einmal vor, wir freuen uns auf einen tollen Abend! 
Zum Schluss folgen unsere Empfehlungen des Monats. Ihnen und Euch einen schönen, nicht zu Regen verhangenen September. Bis bald in der Buchhandlung Thaer!


Herzlich, Krystyna Swiatek und Mieke Woelky

Mieke Woelky empfiehlt Das Ministerium der Zeit von Kaliane Bradley 

Diesen Roman habe ich im Sommerurlaub verschlungen – und das, obwohl mich das Thema „Zeitreisen“ gar nicht direkt angesprochen hat. Hier ist es aber auf so unterhaltsame – und realistische – Weise durchgespielt, dass es ein großartiges Lesevergnügen bereitet. Im Zentrum der Erzählung steht eine Frau, die als „Brücke“ für einen britischen Polarforscher fungiert, der aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart teleportiert wird und sich mit ihrer Hilfe im 21. Jahrhundert ‚integrieren‘ soll. Sie muss ihm, der ungläubig (und leicht enttäuscht) auf unsere digitalisierte Welt schaut, also nicht nur die Etikette der Gegenwart beibringen, sondern auch so manch bahnbrechende Erfindung und historische Ereignisse ungeahnten Schreckens vermitteln. Während sich die beiden im Laufe des Jahres, das sie miteinander verbringen, näher kommen, merken wir als Leser*innen, wie stark unser Selbstgefühl von der Stimmigkeit unserer eigenen Geschichte im Gefüge größerer historischer Narrative abhängt. Und wie lebendig und fragil Lebensgeschichten eigentlich sind. Dieses Buch sprenkelt Figuren aus ganz unterschiedlichen zeitlichen Epochen in die Gegenwart und zeigt uns so auf, wie absurd diese oft anmutet – und wie sehr sie die wichtigsten Fragen der Zeit unbeantwortet lässt.
 
Kaliane Bradely: Das Ministerium der Zeit; Penguin, 2025. Aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz. Erhältlich auf deutsch (24 €) und englisch (13,50 €). 

Krystyna Swiatek empfiehlt Lázár von Nelio Biedermann

Wie soll man leben – überleben – angesichts historischer Katastrophen? Dieser Frage geht der schweizer Autor Nelio Biedermann in seinem Roman „Lázár“ nach. Vielleicht haben Sie in der letzten Zeit die begeisterten Besprechungen in der SZ, DIE ZEIT und Co. gelesen. Ich konnte das Buch bereits in den ersten Sommerwochen lesen und war auch gleich begeistert. Nelio Biedermann treibt in seinem Buch ganz meisterhaft, und zum Teil märchenhaft, mehrere Generationen einer ungarischen Adelsfamilie durch die Wirren und Gräueltaten des 20. Jahrhunderts. Man begleitet die Familie vom Alltag im Waldschloss, über ihr Leben während des Zusammenbruchs der österreichsisch-ungarischen Monarchie, der Nazizeit und der Sowjetdiktatur bis in die Mittellosigkeit. Die Figuren hüten Geheimnisse, verzweifeln über die Politik und suchen eben nach der Antwort auf die Frage, wie man leben soll. 

Nelio Biedermann: Lázár; Rowohlt Berlin, 2025; 336 S., 24 €